2009-04 : Der Rumpf des Eisbergs - Netze sind das Vermögen und verursachen die Kosten

Der Interessenschwerpunkt hat endlich auch die Ver- und Entsorgungsnetze erreicht. In der Fachpresse findet man nahezu in jeder Ausgabe einen Artikel zu dem Teil der Ver- und Entsorgungsstrukturen, der bisher kaum zur Geltung kam.

Das liegt zum einen an den Bemühungen in allen Bereichen produktiver und kostengünstiger zu arbeiten und zum anderen daran, dass die Hilfsmittel zur Betreuung und Verwaltung der Netze besser, handhabbarer und vor allem kostengünstiger geworden sind.

Der oft bemühte Vergleich mit der „Spitze des Eisbergs“ trifft in besonderem Maße auf die Strukturen in Ver- und Entsorgungssystemen zu: Den Produktionseinheiten Wasserwerk, Klärwerk, Kraftwerk usw. stehen die sehr umfangreichen Verteilungsnetze gegenüber. Sie sind in der Regel „vergraben“, damit nicht direkt sichtbar und werden deshalb in der Allgemeinheit weniger beachtet.

Schaut man aber z. B. auf ein Abwassernetz, das in einer Großstadt mehr als 2.500 km umfassen kann und stellt man sich darin außerdem die Sonderbauwerke vor, die oft Bauwerke sehr großen Umfangs sind, dann kann man sich leicht vorstellen, dass das was man sieht, nur der kleinere Teil des Gesamten ist.

Ähnlich verhält es sich auch mit den Versorgungsnetzen für Strom, Gas, Fernwärme und Trinkwasser. Die Netze sind ein wesentlicher Bestandteil des Anlagevermögens, das es zu erhalten gilt. Die Netze der Bundesrepublik Deutschland sind in einem guten Zustand, sie brauchen den Vergleich mit anderen Ländern nicht zu scheuen, so sind z. B. die Trinkwasserverluste in Deutschland relativ gering (siehe http://www.umweltbundesamt.de/wasser/wsektor/wasserdoku/german/s5.html).

Aber dass das so ist, liegt vor allem an der Pflege. Ein Nachlassen kann da schnell zu starken Änderungen führen, bedenkt man, wie lange es derartige Einrichtungen in Mitteleuropa schon gibt und wie alt demgemäß große Teile davon sein müssen. Es stehen große Investitionen bevor bzw. müssen laufend erfolgen, um den Bestand zu wahren.

Gegebenenfalls wurden Materialien verwendet, die altern bzw. von denen man weiß oder erst später erkannt hat, dass sie gewissen Umgebungsbedingungen nicht gewachsen sind. Das Schneechaos 2005 und die Auswirkungen auf die Stromversorgung ist sicher noch in Erinnerung (siehe http://www.schneechaos-muensterland.de/home/).

Daraus ergibt sich, dass man das Wissen von den Netzen, ihren Einheiten und den Maßnahmen, die erfolgt sind bzw. zu bestimmten Terminen noch erfolgen müssen, gar nicht groß genug sein kann und quasi auf Knopfdruck zur Verfügung stehen sollte.

Netze sind aber äußerst komplex, weil sie aus sehr vielen, unterschiedlichen Teilen bestehen. Bleibt man bei dem o. g. Beispiel der 2.500 km Abwassernetz, so besteht es wahrscheinlich aus einigen Zehntausend  Einzelstücken, Haltungen genannt. Jede Haltung kann unterschiedlich im Aufbau sein und ist unterschiedlich in ihren örtlichen Gegebenheiten, darin, was im Laufe der Jahre damit passiert ist (Risse, Baumwurzeln, Sanierungen usw.) und bezüglich des Bereiches, der damit entsorgt wird (Hausanschlüsse).

Große Ver- und Entsorgungsunternehmen halten ihre Netze in Geografischen Informationssystemen (GIS), kleine und mittlere können das nicht immer wegen der damit verbundenen Kosten. Doch auch, wenn GIS bereits eingeführt wurden, werden sie vor allem zur reinen Bestandspflege genutzt. Die Dokumentation der gesamten Historie wird darin nicht geleistet, obwohl sie sehr wichtig ist. Das Wissen ist häufig nur in den Köpfen der Mitarbeiter vorhanden und verschwindet, wenn sie das Unternehmen verlassen oder steht nicht zur Verfügung, weil sie gerade nicht greifbar sind.

Um auch diese Aspekte abzudecken, nutzen wiederum vor allem die großen Unternehmen mehr und mehr sogenannte Betriebsführungssysteme (BFS). Da die bisher allein bis zum Ersteinsatz sechs- bis siebenstellige Investitionen erfordern können, sind sie bei kleinen und mittleren Unternehmen noch nicht sehr verbreitet.

BFS ergänzen die Bestandsverwaltung um alle betrieblichen, technischen Aspekte und bieten zusammen mit den GIS  oder mit eigenen GIS-Komponenten die vollständige Wissensbasis über Netze. Man kann sich das so vorstellen, dass der GIS-Anteil für die Darstellung und Strukturierung der Netze in ihrer örtlichen Umgebung sorgt. Dort ist alles ersichtlich, was die geografischen und bestandsrelevanten Informationen angeht.

GIS bieten auch die Informationen bzw. sogar die Werkzeuge, um dem Menschen Netze grafisch darzustellen. Damit wird durch das GIS selbst oder eine BFS-Komponente, die die GIS-Netzinformationen zu einer grafischen Darstellung bringen kann, die Mensch-Maschine-Schnittstelle, die Bedienoberfläche geboten.

Die Komplexität von Netzen bringt es mit sich, dass sie zur Bearbeitung ihrer Informationen nach heutigem Stand der Technik nur als Grafik bedienerfreundlich angeboten werden können. Einfärbungen von Netzbestandteilen zeigen Auftragssituationen, Auswahlen, gleichartige Kriterien oder Störsituationen an. Die Anwahl von Netzeinheiten durch den Bediener versorgt ihn mit den dazu vorhandenen Informationen bzw. erlaubt es ihm, neue Informationen zum jeweiligen Objekt einzugeben.

Wesentlich ist für ein BFS auch die Fähigkeit große Anzahlen von Netzobjekten mit gleichartigen Maßnahmen zu versehen, ohne dass jedes Objekt einzeln „angefaßt“ werden muss. Die Ergebnisse der Maßnahmendurchführung müssen dann für alle zusammen vorgegeben werden können, da wo sie gleichartig sind und einzeln pro Objekt, also objektscharf, da wo Abweichungen festgestellt wurden. Maßnahmendurchführung in Netzen sind manchmal Einzelaktionen, aber auch oft ein Massengeschäft.

Die Maßnahmenvielfalt für Netze muss geeignet und einfach zugreifbar abgebildet werden. Vergleichbarkeit sollte angestrebt werden, um eine Basis für Benchmarking- und Kennzahlenerhebungen zu schaffen. Verbände wie DVGW, ATV, VDEW und technische Regeln und Normen von VDI und DIN bieten Kataloge und Begriffsbestimmungen an, die dazu genutzt werden können.

Ebenfalls durch die Maßnahmenvielfalt ist eine arbeitsteilige Organisation erforderlich. Zuständigkeiten sind auf mehrere Mitarbeiter und Organisationseinheiten verteilt. Mit BFS müssen Aufgaben ihrer Zuständigkeit entsprechend ver- bzw. weitergegeben werden können. Rückmeldungen und Ergebnisse müssen dahin gelangen, wo sie benötigt werden und angearbeitete Aufgaben müssen von Anderen aufgenommen und weitergeführt werden können.

Dazu ist eine Möglichkeit von möglichst flexibler Workflowsteuerung wichtig. Da wo feste Wege feststehen, sollte man feste Wege definieren können und da, wo Tagesgeschäft oder sonstige Bedingungen anderes erfordern, muss der Workflow, der Arbeitsablauf auch anders eingestellt werden können.

Zusammenfassung

Der effektive Betrieb von Netzen kann durch den Einsatz von GIS in Kombination mit Betriebsführungssystemen verbessert werden. Die reinen Bestandsinformationen in GIS sollten um alle betrieblichen Informationen ergänzt werden und dazu bieten sich BFS als geeignete Werkzeuge an. Mittlerweile sind derartige Systeme auch für kleinere und mittlere Unternehmen erschwinglich, denn Lizenzgebühren dafür beginnen schon im unteren fünfstelligen Bereich und die Projektkosten werden durch sehr bedienerfreundliche Funktionen (z. B. zur Stammdatenerfassung) gering gehalten.